über das projekt
Konzept für das Festival *PLATEAUX - NEW POSITIONS IN INTERNATIONAL PERFORMING ARTS* Mousonturm, Frankfurt, Germany
Auf der Suche nach den Werten der Liebe in der Wahrheit / TRUTHINLOVE
Inszenierung: Julie Pfleiderer & Philipp Becker
Raum und Video: Jochen Schmitt
Mit: einer Tänzerin, einem Tänzer, einer Schauspielerin, einem Schauspieler
UA April 2010
Nach der ersten gemeinsamen Produktion „R. Destillat“ (nach dem Film „Rosetta“ der Brüder Dardenne, entstanden beim Freischwimmer Festival 2008 in Berlin), wollen wir, Julie Pfleiderer und Philipp Becker, erneut die Schnittmenge von theatraler und performativer Handlung untersuchen. „Auf der Suche nach den Werten der Liebe in der Wahrheit“ soll eine Recherche mit theatralen und tänzerischen Mitteln sein, auf der Basis des Films „Ein kurzer Film über die Liebe“ von Krysztof Kieslowski und dem Mut zur möglichen Beweisbarkeit von Liebe. Wir wollen keine Nacherzählung des Films, sondern eine Öffnung in die performative Handlung mit theatralem Plot und der Realität des Live-Video-Mitschnitts:
A
Frage: Brauchen die Menschen Absolution?
Kieslowski: Natürlich, die brauchen wir alle.
Frage: Braucht der Mensch nicht auch menschliche Vergebung?
Kieslowski: Natürlich. Aber ich denke, dass die Menschen in erster Linie Verständnis brauchen.
DEKALOG VI / Ein kurzer Film über die Liebe:
Ein neunzehnjähriger Junge beobachtet heimlich von seinem Zimmer aus die erwachsene Frau, die im gegenüberliegenden
Haus wohnt. Jeden Abend beobachtet er sie durch sein Fernrohr. Männer kommen und gehen, die meisten nur für Sex. Ein
einziges Mal scheint Liebe im Spiel zu sein, aber auch dieser Mann bleibt nicht. Weil das Auge des Jungen nur auf sie
gerichtet ist, ist er auch Zeuge von Momenten danach, den Tränen, dem Zweifel, der Einsamkeit. Das lässt ihn von einem
radikal anderen Weg träumen: ein Leben im Dienst der reinen, der wahren Liebe, unberührt von Begierde oder Schmerz, der
immer zur Begierde gehört. „Ich liebe dich, das ist alles.“
Die Frau, die sich trotz aller Schwierigkeiten bemüht ‚zu leben’ – der Junge, der passiv zuschaut und von einer anderen
Art zu leben träumt.
„Zur Privatsphäre von Betroffenen gehören deren intime Beziehungen, in denen es Spannungen und Konflikte gibt. Diese können gelöst werden, indem ein Gericht angerufen wird. Folglich betrifft die Privatsphäre das öffentliche Interesse - auch wenn keine Straftat verübt worden ist. Die Grenzziehung zwischen individuellen und öffentlichen Interessen ist aus juristischer Sicht eine Ermessensfrage. Nur Religion und Liebe, zwei Formen von Hingabe, können etwas über Autonomie aussagen. Aber sie haben vor dem Richter keine Stimme.“ (Klaas Tindemanns)
Der Mensch wird immer von anderen beobachtet, aber er beobachtet auch immer selbst. Handeln ist immer Handeln vor anderen.
Wer wir sind, ist nicht zu trennen von der Frage, wer wir in den Augen der anderen sind. Die Position des Voyeurs ist dabei
immer zugleich eine mächtige und eine ohnmächtige: Mächtig, weil ‚der andere’ nicht weiß, dass er beobachtet wird.
Ohnmächtig, weil der Voyeur nicht eingreifen kann in das, was er beobachtet. Diese ambivalente Position des Voyeurs ist die
Basis unseres Verhältnisses mit dem Rest der Welt. Kriege, Naturkatastrophen, zunehmende Armut: täglich sitzen wir vor PC
und TV, sehen die zerstörten Leben anderer und fühlen uns ohnmächtig, übermüdet von all dem Zuschauen, unfähig, den
nächsten Schritt zu machen und zu handeln. (Dabei scheint die Position des Voyeurs nur vermeintlich bequem: Das Beobachten
des anderen ist nie unverbindlich! Der Voyeur verliert seine neutrale Position, indem er die Intimität des anderen stiehlt.
Was er bei anderen sieht, zwingt ihn, über sich selbst zu reflektieren.)
In der Geschichte von Tomek und Magda, dem Jungen und der Frau, wird dieser Schritt gemacht. Tomek zeigt sich Magda und
betritt ihre Welt: nicht als Voyeur, sondern als Partner. „Aus dieser Perspektive sieht alles ganz anders aus“ sagt er, als
er zum ersten Mal in ihre Wohnung kommt. Und es zeigt sich, wie unterschiedlich Theorie und Wirklichkeit sind: Tomek gesteht
Magda seine Liebe, sie wiegelt ab. Was er Liebe nenne, das gebe es nicht. Sie verführt ihn: das sei alles, die ganze Liebe…
Sein Traum von der Liebe geht am Leben selbst kaputt, da, wo Liebe ‚wahrhaftig’ wird – und unlöslich mit Begierde, Schmerz
und Einsamkeit verbunden ist. Und trotzdem, trotz der unerträglichen Enttäuschung, die Tomek erfährt, hat seine Geschichte
etwas Positives: Es geht um den Schritt, den er macht. Der Schritt vom Zuschauen zum Handeln, von Sicherheit zu Unsicherheit,
von Theorie zu Erfahrung, von der Utopie zur Wirklichkeit. Am Schnittpunkt von Zuschauen und Handeln zeigt sich, was es heißt,
zu leben.
B
„Die Begriffe Wichtigkeit, Notwendigkeit, Interesse sind tausendmal entscheidender als der Begriff der Wahrheit.“ (Gilles Deleuze)
Kieslowskis Geschichte von Magda und Tomek ist inspiriert von der Beschäftigung mit den Biblischen Zehn Geboten. Nun könnten wir die Zehn Gebote als letztes Überbleibsel einer religiösen Tradition sehen, die ein Millennium lang den moralischen Rahmen des menschlichen Handelns (im Westen) bestimmt hat. Wir könnten – z.B. ausgehend von diesem kurzen Film über die Liebe – zeigen, wie diese moralischen Richtlinien immer wieder übertreten werden, wie der Mensch es nicht schafft, sich zu verbessern. Wir möchten uns aber nicht auseinandersetzen mit dem Befolgen von moralischen Richtlinien. Sondern mit dem Streben (mit der Pflicht?) der Menschen, immer wieder aufs Neue ein moralisches Fundament für ihr Handeln zu suchen!
In diesem Jahr veröffentlichte Papst Benedikt XVI. die Enzyklika CARITAS IN VERITATE. Darin wendet er sich an „alle Menschen
guten Willens über die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit“:
Die weltgeschichtlichen, -wirtschaftlichen und –politischen Geschehnisse unserer Zeit trügen dazu bei, „die Gefahr bisher
ungekannter Schäden und neuer Spaltungen in der Menschheitsfamilie heraufzubeschwören.“ Um dem entgegenzuwirken gelte es,
„die Vernunft auszuweiten“ und sie fähig zu machen, „diese eindrucksvollen neuen Dynamiken zu erkennen und auszurichten“,
indem man sie im Sinn einer „Kultur der Liebe beseelt“.
Praktisch bedeute dies beispielsweise die Notwendigkeit einer „Zivilisierung der Wirtschaft“. Der Papst weiß, dass es „keinen
Markt der Unentgeltlichkeit“ gibt und eine „Haltung der Unentgeltlichkeit“ nicht per Gesetz verordnet werden kann – auch nicht
vom Stellvertreter Gottes auf Erden. In der Entsprechung zu Roland Barthes Feststellung, dass die Liebe keiner „Ökonomie des
Tausches“ gehorche, sondern einer „Ökonomie der Verausgabung“, fordert Benedikt XVI. für die Märkte und die Politik „Menschen,
die zur Hingabe aneinander bereit sind“…
«You never have ideas, only feelings.» - «That's not true. There are ideas in feelings.» / / / «Why do you look so sad?» - «Because you speak to me in words and I look at you with feelings.» (Godard. Pierrot le fou)
„Da die Liebe voll Wahrheit ist, kann sie vom Menschen in ihrem Reichtum an Werten begriffen, zustimmend angenommen und vermittelt werden“: In diesem Glauben versucht der Papst mit der Enzyklika ein moralisches Fundament zu legen für das Leben der Menschen in der Welt - und verwendet dafür mit LIEBE als Zement und der WAHRHEIT als Wasser die wohl relativsten Begriffe, die dem Menschen zum Verständnis seiner Wirklichkeit gegeben sind!
A B
Wie ist WAHRHEIT IN DER LIEBE darstellbar?Auf einer Bühne? In was für einem Raum? Mit welchen theatralen, tänzerischen, performativen oder sonst wie künstlerischen Mitteln?
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage: Was hat WAHRHEIT zu tun mit WAHRHAFTIGKEIT? Ist zum Beispiel die Verwendung des Mediums Film/Video ‚wahrhaftiger’, als die Bemühungen eines Schauspielers, auf der Bühne eine Figur zu behaupten..? WAS liefert WIE Authentizität? Realität? Glaubwürdigkeit?
Können Schauspieler eine wahrhaftige Liebeserklärung auf einer Bühne „darstellen“? - Können es die Zuschauer (besser/‚authentischer’/ehrlicher)?
Kann ein Gefühl von Liebe als WAHR bezeugt oder bewiesen werden? Wie? (Etwas von sich verschenken? Ein Liebeslied singen? Ein Liebesgedicht vortragen, das man selber geschrieben hat? Ein Liebesgedicht vortragen, das ein anderer geschrieben hat? Eine Liebeserklärung, ein Beweis als Tatoo als der beständigste & ernstgemeinteste Liebesbeweis?)
Wo versagt Sprache als Wahrheitsträger? Wo der Körper? (Porno als absolute Wahrhaftigkeit?)
Ist – frei nach Barthes – LIEBE ein flüchtiger Zustand (wie das Theatererlebnis?), den man in seiner wahrhaftigsten Form nur erleben, den man nur teilen kann (wie das Theatererlebnis?!)?
Bietet ergo allein eine Bühne den Raum, um die Utopie einer Wahrheit in der Liebe begreifbar, weil erlebbar zu machen???
Wie mutig ist der Performer, wie mutig der Zuschauer, wenn es um die WAHRHEIT von Handlung auf der Bühne geht – vor allem, wenn das ‚Spielthema’ die LIEBE mit all ihren Bedeutungen ist?
Wir möchten uns mit einem Theater-Performance-Projekt auf die Suche begeben nach dem Wert von Liebe in unserer heutigen Zeit - auf der Basis von Ein kurzer Film über die Liebe / DEKALOG VI von Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz, der Enzyklika CARITAS IN VERITATE von Papst Benedikt XVI, Zitaten aus Jean-Luc Godards Pierrot le fou, Roland Barthes Fragmente einer Sprache der Liebe und Niklas Luhmann Liebe. Eine Übung.
Julie Pfleiderer & Philipp Becker, Antwerpen & Tübingen, 26.08.2009








